Erklärung zum Beginn des Hungerstreiks der Anarchistin Anna Beniamino in Solidarität mit Alfredo Cospito, zusammen mit Juan Sorroche und Ivan Alocco, gegen 41bis (7. November 2022)

Erklärung zum Beginn des Hungerstreiks der Anarchistin Anna Beniamino in Solidarität mit Alfredo Cospito, zusammen mit Juan Sorroche und Ivan Alocco, gegen 41bis (7. November 2022)

Am 20. Oktober begann Alfredo Cospito, der zurzeit im Knast von Bancali sitzt ( in der Provinz Sassari), einen uneingeschränkten Hungerstreik gegen das 41bis Knastregime und die Lebenslange Gefangenschaft ohne Bewährungsmöglichkeit. Er wurde dem Artikel 41bis der Italienischen Gefängnigsadministration Mai diesen Jahres unterstellt, weil er über die Jahre Gefangenschaft in Hochsicherheitstrakten des Gefängnisses den Briefkontakten und die Partizipation in Debatten mit der Anarchistischen Bewegung, über publizierte Texte und schriftliche Interventionen aufrechterhielt.

Lebenslange Knaststrafe ohne Berufungsmöglichkeit droht das Urteil der Berufungsanhörung zu werden – ausgehend vom Urteil des Obersten Gerichtshofs am Ende des Scripta Manent Prozesses im Juli 2022 – durch die Neueinstufung als „politisches Massaker“(Artikel 285 des italienischen Strafgesetzes), des doppelten Angriff auf die Carabinieri Ausbildungsschule in Fassano zu der sich die FAI-RAT bekannte hat.
Die Verurteilung nach Artikel 285 ist der Eckstein eines Beschuldigungskonstrukts welches die Existenz von „subversiver Vereinigung mit terroristischem Ziel“(Zusammengesetzt aus lediglich 3 Initiatoren und nur sporadisch Existent um Widersprüche mit früheren Urteilen zu vermeiden) heiligt und welches die Blogs und anarchistischen Magazine die in den letzten 20 Jahren von den Beschuldigten publiziert wurden als „Anstiftung“ darstellt.
Kurzgesagt, dieses Monsterurteil sieht Individuen sowohl als die Köpfe/Ausführenden einer schlecht definierten „Gruppierung“ als auch als Anstifter und Schuldige eines „Massakers“ das niemals stattgefunden hat und vorallem nie als solches verteidigt wurde. Wie damals wiederholt erklärt wurde, verteidigen Anarchisten, mich eingschlossen, revolutionäre Gewalt, aber keine Massaker.
Was in den Gerichtsdokumenten und in den Direktiven der Behörden und des Repressionsapparats entweder als „Subversion im Inneren“ oder „Terrorismus“ bezeichnet ist und in verschiedenen Verstößen bestehen soll (subversive Vereinigung, Massaker, Verwüstung und Plünderung), die Wort für Wort auch im noch geltenden Rocco Gesetze aus der Zeit des Faschismus geführt sind, sind in Wirklichkeit Elemente der revolutionären Spannung und der Suche nach Freiheit und sozialer Gerechtigkeit. Das Letztere und die den Gerichten unterstellte Gerechtigkeit zwei gegensätzliche Welten sind ist niemandem etwas Neues, der auch nur ein Minimum an Wissen hat über die Historie und politische Geschichte von Bewegungen, von Ideen und Praktiken des Widerstands: Je schwerer und komplexer die Anschuldigung, desto schwerer ist es das Geschehen zurück in die Ebene der Realität zu holen. Mit diesem Vorbild findest du dich vor Gericht wieder als Angeklagte einer lächerlichen „Wahrheit“, wo es die politische Identität ist und nicht die Fakten die das Delikt ausmachen das dich lebendig begräbt.

41bis ist die raffinierteste Form der psychisch-körperlichen Vernichtung unter den verschiedene Stufen die der Knast anbietet.
Folter in weissen Handschuhen, aufgebaut auf sensorieller, physischer und intellektueller Deprivation, auf dem Bruch freundschaftlicher und sentimentaler Bindungen: eine Stunde Besuchszeit im Monat, mit Trennscheibe, mit Familienmitgliedern die dazu Hunderte an Kilometern zurücklegen müssen, mit Familienmitgliedern und Nächsten die so oft als Verbündete dieser „Vereinigung“ gesehen werden, mit alldem was dies an an Entfremdung mitbringt; sehr starken Einschränkungen von Studium und Lektüre, die allein das Individuum vom „Erlöschen“ des Hirns retten könnten , mit dem Verstand der schon vom Mangel an Auseinandersetzung und minimalem Sozialleben auf die Probe gestellt wird, in quasi Isolation, die sich um Jahre, oft fürs Leben verlängert; Tageszeitungen beinahe komplett zensiert, 10 Fernsehsender und Psychopharmaka als „paleative“ Mittel die Behandlung aufzubessern. Andererseits sind Fernsehen und Psychopharmaca die Tragsäulen des Erhalts der Kontrolle und der Interessen des Knasts: Überfüllte Gemeinschaftsbereiche, Massenbehälter von Seelen dominiert von Infantilisierung und Medikation der Individuen.
Wegen der bekannten Härte mit dem Ziel das Individuum zu brechen, hatten die Gesetzgeber 41bis auf eine Höchstzeit von 4 Jahren limitiert (selbst Waterboarding erlaubt Pausen aus Erbarmen mit dem unglückseligen Erdrinkenden!) , was dann in typisch niedrigschwelliger bürokratischer Prozedur der Grausamkeit der Demokratie, von Verlängerung zu Verlängerung, von einem Notfallmaßnahme zu etwas Gewöhnlichem gemacht wurde.
Geheiligt von dieser Galgen und Handschellen Unkultur ist „Harter Knast“ zugleich Fetisch und Vogelscheuche einer Gesellschaft die sich, ganz nach den etablierten Medien, immer verängstigter von „Notfällen“ und in einem Mangel an „Sicherheit“ will, die zunehmende strenge Verschärfung der Strafen und Narrative über das Ausmaß der Kriminalität will. Der Sicherheitsfetisch wird ausgenutzt um Abzulenken von einer Gesellschaft im politischen, ökonomischen und sozialen Zusammenbruch.

Ich habe Jahre meines Lebens, Ideen, Diskussionen, Hass, Lachen und Liebe für die Freiheit geteil mit einem anarchistischen Gefährten, mit den Anrchisten… es werden nicht die verfeinerten Regime des Knasts oder die infamen Verhandlungen sein denen es gelingt das zu schmälern. Aus diesen Gründen, weil Solidarität und Gerechtigkeit , Kadaver im Mund der Gesetzgebenden sind, und Blumen zwischen den Zähnen freier Individuen. Weil es für die, die das Leben lieben eine Pflicht ist zu reagieren wenn es in einen Akt des Überlebens verwandelt wird, gehe ich am Montag den 7. November in den Hungerstreik.
Gegen 41bis.
In Solidarität mit Alfredo, im Hungerstreik seit dem 20 Oktober, mit Juan im Knast von Terni seit dem 25. Oktober und mit Ivan im Knast von Villepinte in Frankfreich seit dem 27. Oktober , die aus den gleichen Gründen im Hungerstreik sind.
In Liebe und Respekt für alle Gefährten und Gefährtinnen die für die utopischen Wege der Freiheit und der Verneinung der Autorität gekämpft haben, kämpfen und kämpfen werden ohne ihre Träume an den Meistbietenden zu verkaufen.

Anna Beniamino

 

[Veröffentlicht auf: https://kontrapolis.info/8747/ | Auf italienisch veröffentlicht auf: https://lanemesi.noblogs.org/post/2022/11/09/dichiarazione-di-inizio-dello-sciopero-della-fame-da-parte-della-compagna-anarchica-anna-beniamino-in-solidarieta-con-alfredo-cospito-7-novembre-2022/]

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(IT) Dichiarazione di inizio dello sciopero della fame da parte dell’anarchica Anna Beniamino in solidarietà con Alfredo Cospito, al fianco di Juan Sorroche e Ivan Alocco, contro il 41 bis (7 novembre 2022)
(ES) Declaración del inicio de huelga de hambre de la anarquista Anna Beniamino en solidaridad con Alfredo Cospito, junto a Juan Sorroche e Ivan Alocco, contra el 41 bis (Italia, 7 de noviembre de 2022)
(EN) Declaration of start of hunger strike by anarchist Anna Beniamino in solidarity with Alfredo Cospito, alongside Juan Sorroche and Ivan Alocco, against 41 bis (Italy, November 7, 2022)
(FR) Déclaration du début de la grève de la faim de l’anarchiste Anna Beniamino en solidarité avec Alfredo Cospito, aux côtés de Juan Sorroche et Ivan Alocco, contre le 41 bis (Italie, 7 novembre 2022)
(RU) Декларация о начале голодовки анархистки Анны Беньямино в знак солидарности с Альфредо Коспито, вместе с Хуаном Сорроче и Иваном Алокко, против 41-бис (Италия, 7 ноября 2022 года)
(DE) Erklärung zum Beginn des Hungerstreiks der Anarchistin Anna Beniamino in Solidarität mit Alfredo Cospito, zusammen mit Juan Sorroche und Ivan Alocco, gegen 41bis (7. November 2022)